Herbst auf dem Campeggio
September, der Herbst drängt heran und am Abend zieht ein kühler Wind durch die Gassen
zwischen den Wohnwagen. Der Platz ist fast leer, hat seine Bewohner zurück in die Arbeits-
welt entlassen. Jetzt kann er zur Ruhe kommen, kann sich erholen von den vielen Menschen,
von der Sommerhitze, dem Trubel.
Vom Uferstrand kommend, gehe ich nachdenklich hinauf zu unserem Wohnwagen. Hier vorne am
See ist alles leer, die schmucken Häuser verlassen, die Fensterläden geschlossen.
In der Mitte des Platzes, wo im Sommer die Wagen und Hütten alle vermietet waren, wo sich
kleine und große Zelte in jeden Zwischenraum drückten, wo fröhlich gegrillt wurde, ist es
jetzt ganz ruhig. Hier vorne sassen die Nigerianerkinder und wurden von ihrer Mutter unter
großem Zeitaufwand frisiert.
Antonella, die ein Stück weiter oben wohnt, ist vor kurzem abgereist, samt Enkeln und Hund.
Genauso wie Marina mit ihrer Tochter Mia.
Auch unsere Nachbarn haben die Segel gestrichen und sind gestern heimgefahren. Heuer werden
wir sie wohl nicht mehr sehen.
Die Sonne scheint warm an diesem Nachmittag, nicht so stechend, sondern mild und dennoch
stark ist die Wärme, mit der sie mich beschenkt. Der Platz schläft. Große gelbe Blätter fallen
vom Baum, eine Eidechse raschelt in ihnen und flitzt, sobald ich vorbeikomme, unter einen
Wohnwagen.
Ich kann die braun gestrichenen Bretterwände der Hütten riechen, wie sie in der Nachmittags-
hitze brüten und warten. Die Stille, die mich umgibt, hat etwas Eigentümliches, etwas Ver-
trautes und Trauriges. Das Wort "Einsamkeit" fällt mir dazu ein. Ich komme mir zurückgelassen,
vergessen vor. Die Menschen und mit ihnen das Leben sind gegangen, sie haben es versäumt,
mich mitzunehmen.
Seit unsere Kinder von zu Hause ausgezogen sind, bin ich mit solchen Empfindungen, die wie
Echos in meiner Seele raunen, konfrontiert. Das Weggehen von mir, das Mich-zurücklassen, das
andauernde Abschiednehmen: wie hasse ich es doch. Alles und alle möchte ich zusammenhalten,
keinen verlieren, keinen gehen lassen. Das ganze Leben ist ein Gehen, ein Abschiednehmen von
jeder Sekunde, die bereits verloren war, bevor sie entsteht.
Was doch der Herbst und die leeren Hütten für Gedanken in mir aufsteigen lassen.
Eine Melancholie nimmt mich gefangen, die von dieser Leere ausgeht, von diesem verlassenen Platz.
Vor kurzem noch sind Kinder aufgeregt und fröhlich lärmend direkt vor mir vorbeigezogen. Vor
kurzem noch konnte man Lachen, Weinen, Kreischen hören, vorne am Strand. Betriebsamkeit, freund-
liche Gesichter, Menschen in Badebekleidung waren überall zu sehen. Jetzt diese Stille. Ob der
Heinz im nächsten Jahr denn wieder kommt ? Manche der älteren Camper tauchen nicht mehr auf und
dann gibt es die Nachricht: Morto in Inferno; im Winter gestorben. Der Lauf des Lebens, hautnah und
erbarmungslos.
Unten am Strand liegt noch Maria in der Sonne. Sie bleibt meist länger als die anderen. Ihr Mann
angelt den ganzen Tag. Er schätzt die ruhigen Zeiten am See, weil die Fische dann lieber anbeißen.
Maria liebt es, in der Sonne zu braten, in der Wärme zu entspannen. Mir gefällt das auch, jedoch
brauche ich ein Buch dazu, um von Zeit zu Zeit ein Stück zu lesen. Maria benötigt kein Buch, sie
staunt immer wieder, wie man so viel lesen kann. Ihr käme das nicht in den Sinn.
Der See liegt glatt und träumend vor mir, die Berge, mit Laubwald bedeckt, wechseln langsam ihre
Farben vom satten Grün in ein dunkles Grün und dann Schritt für Schritt in Braun, Ocker und Gelb.
Erste Farbflecken sind an den Hängen bereits zu entdecken. So malt der Herbst sich hier seine
Kulisse; jedes Jahr um diese Zeit.
Je näher der Herbst dem Campeggio kommt, um so wertvoller werden die Sonnenstunden, die man jetzt
besonders intensiv genießen will. Kostbare Wärme, wundervolles Licht! Geheimnisvolle Schatten greifen
um sich und sobald die Sonne hinter dem Monte Boglia untergegangen ist, wird es rasch kalt und bald
darauf auch dunkel.
Die Liegen sind verwaist, die Sonnenschirme zugeklappt. Lichter beginnen drüben am anderen Ufer zu
funkeln. Leben ist schon noch da am See, nur nicht auf dem Campeggio, der schläft in Dunkelheit und
Stille.
Manchmal schätze ich diese Stimmung sehr, manchmal bedrückt sie mich aber auch.
Regentage auf dem Campeggio (von Guido, einem Freund, als Ergänzung)
Leider scheint die Sonne nicht und taucht auch die Wohnwagen nicht in warmes, goldenes Licht. Die
Maria ist längst abgereist. Die wenigen Leutchen, die noch da sind, harren alle in ihren Hütten aus
und warten, dass der schier endlose Regen endlich aufhört.
Beim Ronny regnet es ins Haus, es ist klamm und feucht. Der Spätsommer heuer fällt leider ins Wasser.
Der Wasserfall rauscht, ein typisches Zeichen, dass es viel geregnet hat.
Keiner sitzt mehr draussen, dazu ist es viel zu kühl. Wäre der Illerschorsch noch hier - er würde mit
seiner lieben Frau noch in dicken Fleecejacken draußen sitzen, Gitarre spielen und dem drohenden
Herbst
trotzen.
Es ist ruhig auf dem Campeggio, keine spielenden Kinder, die mit ihren Fahrrädern und Rollern um den
Platz fegen, keine schwatzenden Leute, die ihre Runden drehen. Es ist ruhig und still, nur der Wasser-
fall donnert mit großer Macht vom Berg herab in den See und vertreibt die wohlige Sommerwärme.
Des Sees, in dem
noch vor kurzem die Bewohner des Campeggios sich mit Schwimmnudeln,
Wasserhängematten und Subs getummelt
hatten, um der flirrenden Sommerhitze zu entkommen.
Der Herbst ist da, aber auch er wird, wie der Herbst des Lebens noch schöne Tage bringen.